Washington D.C. klingt für viele erstmal nach DER Macht-Metropole der Welt. Vor allem im Moment möchte man einen glauben lassen, dass hier das Schicksal der Welt entschieden wird.

Wer dann tatsächlich mal die Stadt besucht, wird sich im ersten Moment ziemlich wundern, denn diese (wahrgenommene) Wichtigkeit lässt sich zuerst schwer mit dem tatsächlichen Kleinstadt-Flair vereinbaren.

Während der Studienzeit in Boston wollten wir uns einen Ausflug ins Zentrum der Macht nicht entgehen lassen. So haben wir uns Donnerstagabend in den Nachtbus gesetzt und waren Freitagmorgen in der Hauptstadt der USA. Drei ganze Tage, um die Memorials und politischen Gebäude aus nächster Nähe zu betrachten, bevor es Sonntagabend wieder mit dem Nachtbus zurückgeht.

Das Praktische an D.C. ist, dass alle Sehenswürdigkeiten, die man nicht verpassen sollte, relativ nahe beieinander im Stadtzentrum liegen. So kann man viel zu Fuß ablaufen, aber auch die U-Bahn bringt einen zuverlässig von einem Ende der Mall zum anderen.

Freitag – Politik pur

Washington KapitolHeute stürzen wir uns gleich richtig ins politische Geschehen. Am östlichen Ende der Mall (der „Nationalpromenade“) beginnen wir den Tag an der Library of Congress. Hier gibt es eine sehr interessante kostenlose einstündige Führung durch die größte Bibliothek der Welt (rein nach Bücherbestand. Zählt man alle Medien zusammen, ist die British Library in London größer). Hier werden mehr als 164 Millionen Medieneinheiten aufbewahrt; u.a. 38,8 Millionen Bücher und 14,2 Millionen Fotografien.

Direkt daneben liegen der Supreme Court und das Kapitol. Im Kapitol finden die Sitzungen des Senats und des Repräsentantenhauses statt. Auch hier kann man mit einer Tour das Innere des imposanten Gebäudes erkunden. Man sieht die Krypte, die berühmte Rotunde und die National Statuary Hall. In die Räume des Senats und des Repräsentantenhauses kommt man nur mit einem Extra-Ticket. In allen Gebäuden wird Sicherheit sehr groß geschrieben, also viel Zeit für Checks mitbringen und Ticket vorbestellen.

Obwohl die Vielzahl an Monumenten erst für morgen auf dem Programm steht, schauen wir heute schon kurz an einem vorbei. Auf dem Weg zum Weißen Haus, direkt hinter dem Kapitol steht das Monument für Ulysses S. Grant. Grant war Oberbefehlshaber während des Sezessionskrieges und später der 18. Präsident der USA.

Washington Weißes HausDie Pennsylvania Avenue entlang geht es dann wahrscheinlich zum Highlight des heutigen Tages: dem Weißen Haus. Eigentlich gibt es auch hier wieder geführte Touren, aber aktuell (Jan 2020) ist es für ausländische Staatsangehörige nicht möglich, an solchen Touren teilzunehmen. Die Auflagen des Weißen Hauses sind so streng, dass die jeweiligen Botschaften sie nicht erfüllen können. Stattdessen kann man (diesmal sogar ohne Voranmeldung) das White House Visitor Center besuchen. Ist zwar nicht das Original, aber man kann einige historische Artefakte bewundern und das Weiße haus zumindest über eine interaktive Touchscreen-Tour besichtigen.

Den restlichen Tag und Abend kann man dann flanierend im Stadtviertel Georgetown verbringen. Hier fühlt man sich – nur wenige U-Bahn-Stationen von der Weltpolitik entfernt – wie in einer anderen Welt. Es gibt die typischen Holzhäuser, coolen Studentenbars und hippen Designerläden.

Samstag – Memorials und Monumente

Alle den Kater vom langen Club-Abend in Georgetown überwunden? Sehr gut, denn heute werden die Wanderschuhe geschnürt. Wir drehen heute eine Runde um das Tidal Basin und besichtigen die wichtigsten Memorials und Monumente der Hauptstadt.

Washington MonumentLos geht es an wohl einem der bekanntesten: dem Washington Monument. Vielleicht habt ihr den großen Obelisken auch gestern schon vom Kapitol aus gesehen. Wie der Name schon vermuten lässt, soll es an den ersten Präsidenten der USA, George Washington, erinnern. Weniger bekannt ist die recht bewegte Geschichte um den Bau des Turmes herum. Es dauerte nämlich 36 Jahre von der Grundsteinlegung bis zur Fertigstellung 1884. Erst gab es eine Unterbrechung des Bauvorhabens, weil das Geld ausging. Dann störten sich manche Leute an einem von Papst Pius IX. gestiftetem Stein und entzogen die neue Förderung. Und schließlich kam noch der Bürgerkrieg dazwischen. Seit 2014 ist es nach er Renovierung infolge des Erdbebens 2011 wieder für Besucher geöffnet.

Weiter geht es in Richtung des Reflecting Pools. An seinem Ostende befindet sich das National World War II Memorial, das an im zweiten Weltkrieg gefallenen US-Soldaten erinnern soll. Um einen Springbrunnen, den Rainbow Pool, sind 56 Säulen errichtet, die einen Bundestaat oder ein Gebiet des Landes, wie Puerto Rico oder Amerikanisch-Samoa, vertritt.

Washington Reflecting PoolsAn der Nordseite des Reflecting Pools steht das Vietnam Veterans Memorial. Auch hier wird gefallenen oder vermissten US-Soldaten gedacht. Auf der Memorial Wall aus spiegelndem schwarzem Granit sind die Namen aller getöteten du Vermissten eingemeißelt. Stellt sich heraus, dass ein Vermisster überlebt hat, wir neben seinen Namen ein Kreis eingefügt. Neben keinem der gut 58.000 Namen ist bis jetzt ein Kreis. Später wurde die Skulptur Three Servicemen hinzugefügt, drei junge Soldaten in der typischen Vietnamuniform. Ebenfalls nachträglich ergänzt wurde das Women’s Memorial, eine Statue mit drei Frauen in Uniform, die sich um einen verwundeten Soldaten kümmern, umgeben von acht Bäumen, die die acht getöteten Frauen symbolisieren.

Zwischenkommentar: Man kann von Kriegsdenkmälern halten, was man möchte. Wird der Krieg glorifiziert oder wird einem noch einmal mehr bewusst, was der Krieg für Schrecken und Verluste mit sich bringt? Und dementsprechend kann man sie sich anschauen oder nicht. Das muss jeder für sich entscheiden. Bei diesem Rundgang hat für mich das bedrückende Gefühl überwogen, dass die Memorials einen eher daran erinnern sollen, so etwas nicht noch einmal passieren zu lassen. Wie gut das wiederum funktioniert steht auf einem anderen Blatt…

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Die ganze Zeit sind wir schon darauf zu gelaufen, jetzt sind wir endlich da: das Lincoln-Memorial. Hier ist viel Symbolik im Spiel: die 36 Säulen des Gebäudes stehen für die 36 Staaten, die zur Amtszeit Lincolns die Vereinigten Staaten bildeten. Später folgten 12 weitere Staaten um das Dach herum und zwei Staaten durch Tafeln im Boden. Im Inneren überragt die Statue Lincolns alles andere. Sie besteht aus insgesamt 28 Blöcken weißen Marmors. In die Wand auf der Nordseite des Denkmals ist Lincolns zweite Antrittsrede eingehauen, in die Südseite die Gettysburg-Rede. Auf den Treppen vor dem Denkmal hat man eine tolle Sicht über den Reflecting Pool und die Spiegelung des Washington Monuments. Hier ist auch ein schönes Plätzchen für einen Mittagssnack.

Wir bewegen uns in Richtung Tidal Basin und halten am Korean War Veterans Memorial. Hier stehen 19 übergroße Statuen von Soldaten in voller Kampfausrüstung, die durch das Gebüsch „schleichen“. Für mich hat dieses Memorial die größte Beklemmung ausgelöst, weil man in den Gesichtern der Statuen eben keinen „Heldenmut“ und „Gloria“ rauslesen kann, sondern ein Misstrauen, ein Unwohlsein und Angst.

Washington Lincoln MemorialIn der Mitte einer gedachten Linie aus Monumenten für moralische Anführer des Landes mit Abraham Lincoln, der die Sklaverei abschaffte, auf der einen und Thomas Jefferson, dem Verfasser der Unabhängigkeitserklärung, auf der anderen Seite, steht am Ufer des Tidal Basin das erst 2011 eingeweihte Martin Luther King Jr. Memorial.  Davor waren im Bereich der National Mall nur Denkmäler für Weiße aufgestellt. Aber welcher Ort hätte sich besser für ein Denkmal Kings geeignet als ein Platz in Sichtweite des Lincoln Memorials, wo er seine berühmte I have a dream-Rede gehalten hat?

Wir haben es fast geschafft. Am Südufer findet sich das Franklin Delano Roosevelt Memorial. Hier soll nicht nur der ehemalige Präsident geehrt, sondern an eine ganze Dekade in der Geschichte der Vereinigten Staaten erinnert werden. Insgesamt erstreckt sich das Memorial über eine Fläche von 30.000m2, das in vier Teilbereichen über die Amtszeiten Roosevelts führt.  Große Diskussionen gab es lange Zeit über die Darstellung des Präsidenten, der auf einen Rollstuhl angewiesen war. Sollte man eine Statue mit Rollstuhl aufstellen? Würde das seine Behinderung zu sehr in den Vordergrund rücken? Oder würde es die Behinderung als Tabu erscheinen lassen, wenn die Statue keinen Rollstuhl hätte? Heute gibt es zwei Statuen: eine auf einem Stuhl, bei dem man nur aus einem bestimmten Winkel Rollen erkennen kann und eine im Rollstuhl.

Washington King MemorialWeiter entlang des Ufers kommen wir nun noch zum Jefferson Memorial. Tatsächlich hatte Franklin D. Roosevelt den Bau dieses Memorials angeregt, da ihn Jeffersons Ideale der Freiheit, des Fortschritts und der Gleichheit durch die Wirren der großen Depression halfen.

Langsam tun die Füße weh und die Sonne verabschiedet sich eventuell auch schon wieder. Zum Abschluss eines langen Spaziergangs geht es deshalb zurück zum Ausgangspunkt, dem Washington Monument. Abends, wenn es hell angeleuchtet wird, zeigt es sich nochmal in voller Pracht.

Sonntag – Traurige Ironie und Wissenschaft

Heute nehmen wir die U-Bahn und fahren nach Arlington, auf die andere Seite des Potomac. Hier liegt einer der Nationalfriedhöfe des Landes. Seit seiner Errichtung während des Sezessionskrieges 1864 wurden hier über 260.000 Beisetzungen durchgeführt, jährlich sind es knapp 500.

Die meisten Personen, die hier beigesetzt wurden, sind Angehörige des Militärs oder Veteranen und deren Angehörige. Vielen ist der Friedhof aber auch als die letzte Ruhestätte von Präsident John F. Kennedy bekannt, die durch eine ewige Flamme geschmückt wird.

Am beeindruckendsten (im negativen Sinn) sind aber tatsächlich die unendlichen Reihen um Reihen an Soldatengräbern. Auf seltsame Weise ironisch ist, dass man hier einen tollen Ausblick auf das Pentagon hat, den Ort, von dem aus einige der hier Begrabenen in den Krieg geschickt wurden.

Washington Smithsonian InstituteFahren wir also zurück in die Stadt und beschäftigen uns den Rest des Tages mit Fliegerei, Naturkunde, der Post oder Gemälden. Wo das alles möglich ist? In den 19 Museen und Galerien des Smithsonian Institute. Die meisten der Museen befinden sich entlang der National Mall und man kann, je nach Interesse von einem ins nächste hüpfen. Extra-Pluspunkt: der Eintritt ist frei. Man könnte allein in den verschiedenen Museen Tage verbringen, aber für den einen Nachmittag hat man die Qual der Wahl.

Ein Wochenende kann reichen, um einen groben Eindruck zu bekommen, von einer Stadt, die oft im Zentrum der Weltaufmerksamkeit steht, aber eigentlich mit ihrem Kleinstadtcharakter vollends zufrieden ist. Falls man sich überlegt, einen längeren Urlaub entlang der Ostküste zu machen, lohnt sich auf jeden Fall ein kurzer Zwischenstopp.